Eshi – der Maler (2002)

Eine Koproduktion des Folkwang Tanzstudios und der musikfabrik NRW
Eine Kammeroper von Akria Nishimura

Akira Nishimuras musikalisches Bühnenwerk „Eshi der Maler” basiert auf der 1918 entstandenen Novelle „Jigokuhen” (Die Qualen der Hölle) von Ryûnosuke Akutagawa (1892-1927), einem der profiliertesten japanischen Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts. Akutagawa wählte seine Stoffe vorzugsweise aus Geschichten- und Legendensammlungen des japanischen Mittelalters, die er jedoch modern mit einem ausgeprägt psychologischen Einfühlungsvermögen zu interpretieren und als eindringliche Allegorien auszugestalten verstand. In „Jigokuhen” verdeutlicht er am Schicksal eines genialischen Malers die verheerenden Folgen eines übersteigerten Künstlertums, das die Kunst über das Leben stellt.

Akira Nishimura hat Akutagawas Novelle für das Textbuch seines Bühnenwerks komprimiert und auf acht Bilder mit wenigen kurzen Dialogen aufgeteilt. Dabei hat er im Bemühen um größere Eindeutigkeit nicht nur die Charaktere der beiden Protagonisten kräftig nachgezeichnet, sondern teilweise auch die Motivationen ihres Handels uminterpretiert.

Kompositorisch hat Nishimura sein Bühnenwerk „Eshi” für ein kleines, siebenköpfiges Instrumentalensemble mit einer Solo-Sängerin konzipiert und sich dabei bewusst am traditionellen japanischen Bunraku-Figurentheater orientiert.

Das Bunraku-Theater – es zählt zu den drei klassischen Bühnenkünsten Japans – fasziniert durch ein ungemein differenziertes Puppenspiel. Die bis zu anderthalb Meter großen Figuren werden in der Regel von jeweils drei Spielern gleichzeitig geführt, die für das Publikum offen sichtbar mit auf der Bühne agieren, jedoch aufgrund ihrer schwarzen Kleidung als nicht existent gelten.

Eine Besonderheit ist, dass die Puppenspieler während der Aufführung stumm bleiben und den Vortrag aller Monologe und Dialoge dem tayû, einem Sänger-Rezitator überlassen, der von einem zweiten Musiker auf der 3-saitigen shamisen- Laute begleitet wird. Der Reiz einer Bunraku-Darbietung liegt darin, wie der Sänger-Rezitator eine Szene unter Einsatz aller denkbar stimmlichen Mittel aus der Perspektive sämtlicher auftretender Figuren differenziert und psychologisch glaubhaft zu vermitteln versteht und so das Puppenspiel zu einem großen dramatischen Musiktheater werden lässt.

In „Eshi” hat Nishimura in ähnlicher Weise alle Dialoge und Monologe der Figuren einer einzigen Sängerin übertragen. Ihre Stimme wird zum alleinigen Medium des Ausdrucks der psychischen Verfassung der Figuren und muss daher über eine große Modulationsfähigkeit und Differenzierungskunst verfügen. Wie der tayû im Bunraku- Theater, so hat auch diese Sängerin keinerlei unmittelbare schauspielerische Aufgaben. Sie bleibt außerhalb der Bühne.

Die szenische Darstellung in „Eshi” wird von sieben Tänzern übernommen, die wie die Figuren im Bunraku-Theater pantomimisch-stumm agieren. Ihr Körperausdruck soll sich – wie der Komponist ausdrücklich verlangt – an den kunstvoll choreographierten, zum Teil stilisierten

Bewegungsmustern der Bunraku-Figuren orientieren.
Anders als im Bunraku-Theater befinden sich Tänzer und Musiker gemeinsam auf der Bühne, wobei die Tänzer zwischen den Musikern agieren. Bewegungen von Tänzern und Musikern sind so in unmittelbare Nähe gerückt und beeinflussen sich gegenseitig auf engstem Raum.

Darstellerisch konzentriert sich der Tanz auf die Hauptfiguren, wobei jeweils zwei Tänzer die Darstellung einer Person übernehmen. Ein Tänzer ist die Person selbst, der andere Tänzer übernimmt die Rolle des Puppenspielers und beeinflusst mal aktiv, mal passiv die Bewegungen des Darstellers.
Der Einfluss des Bunraku-Theaters ist aber auch auf der musikalischen Ebene wirksam. Anstelle der vielseitigen shamisen-Laute, die im Bunraku zu allerlei Klangeffekten eingesetzt wird, übernehmen Flöte, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Violine, Viola und Cello, nicht selten solistisch eingesetzt, die musikalische Unterstützung des Vokalparts. Nishimura hat sich bei seiner Komposition – nach eigenem Bekunden – aber auch von der Klangwelt des japanischen Nô-Theaters inspirieren lassen, jener älteren Form des Schauspieltheaters, das musikalisch von einer schrillen Querflöte und drei Trommeln bestimmt wird.

Die Musik entwickelt sich grundsätzlich linear, was schon in der syllabisch-rezitativischen Struktur des Vokalparts vorgegeben ist. Sie entfaltet sich in den rein instrumentalen Partien zu komplexeren Strukturen, die jedoch eine überwiegend heterophone Grundlage haben, d.h. aus der simultanen Variation einer Hauptmelodie entstehen. Auch in den als Klangschichtungen konzipierten Passagen bleibt die Musik immer textorientiert, d.h. sie liefert eine klangliche Kommentierung der Rezitation, unterstreicht mit klanggestischen Mitteln Charakter und Emotionen der Figuren sowie die szenische Atmosphäre. Auch hierin ist sie dem musikalischen Ausdrucksstil des japanischen Bunraku-Puppentheaters verpflichtet.

Heinz-Dieter Reese


Choreographie und Tanz: Henrietta Horn

Dirigent: Robert HP Platz

Sopran: Sarah Leonard

musikFabrik:
Flöte, Altflöte: Helene Bledsoe
Klarinette, Es-Klarinette: Ib Hausmann
Klavier: Ulrich Löffler
Schlagzeug: Thomas Oesterdiekhoff
Violine: Tomoko Kiba
Viola: Axel Porath
Violincello: Dirk Wietheger

Folkwang Tanzstudio:
Shogun: Francesco Pedone
Puppenspieler Shogun: Tanja Berg
Puppenspieler Shogun: Franko Schmidt
Maler: Manuel Quero
Puppenspieler Maler: Gabrio Gabrielli
Tochter: Mu-Yi Kuo
Puppenspieler Tochter: Ulrike Reinboldt

Kostüme: Anne Bentgens

Lichtdesign: Reinhard Huber

Spieldauer: 68 Minuten

Uraufführung: 19. Oktober 2002, Hamburg

Gefördert durch: Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW, Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein Westfalens, Fonds Darstellende Künste e.V. aus Mitteln des Bundes

 „Eshi – der Maler” ist eine Koproduktion des Folkwang Tanzstudios, der musikFabrik und des NDR – das neue Werk.


Pressetexte

Japanische Tanzoper beim „neuen werk”

Kieler Nachrichten, 22. Oktober 2002

Skepsis gegenüber getanzten Konzerten erweist sich in den meisten Fällen als berechtigt. Doch die Kooperation zwischen Folkwang Tanzstudio aus Essen und dem Düsseldorfer Ensemble musikFabrik entpuppte sich bei der Eröffnung der NDR-Konzert Reihe „das neue werk“ als hochprofessioneller Glücksfall.

Henrietta Horn verleugnet in keinem Moment die konzertante Situation, spielt sie vielmehr aus und entspinnt auf engem Raum dennoch einen dichten, sich intensiv steigernden Dialog zwischen Klang- und Tänzer-Körpern. Sie transformiert – analog zum japanischen Theater und der neutönerischen Komposition – die Fabel aus der Muramachi-Zeit in streng stilisierten, doch expressiven Ausdruckstanz. Aus starren Posen, durch die Musik und ihre Gefühle beseelt, wechseln die Figuren in gestische Bewegungen, deuten in spannungsvollen Gruppierungen mit den Musikern das Drama szenisch an.

Der NDR lässt die japanischen Puppen tanzen

Lutz Lesle – Die Welt, 22. Oktober 2002

Vom japanischen Puppentheater inspiriert, lässt Choreografin Henrietta Horn sieben Tänzerinnen und Tänzer die grausige Geschichte pantomimisch erzählen, während die Sängerin Sarah Leopard die Dialoge samt fürstlichem Höllengelächter eindringlich auf Japanisch rezitiert. Sinnreich und grandios die Verdopplung der marionettenhaften Handlungsfiguren durch quasi holzgeschnitzte schwarz gekleidete Puppenspieler. Sie verkör pern die widerstreitenden Kräfte in der ihnen zugeordneten Figur. Sie spielen Advokat des Teufels oder Schutzengel, können aber auch Zielscheibe der Grausamkeit werden. Doch was wäre das ganze Tanzdrama ohne das famose Septett der rheinisch-westfählischen „musikFabrik” unter Leitung von Robert HP Platz!

Ein fein geflochtenes Netz

Henrietta Horn choreographiert für die Oper Eshi – der Maler

Irmela Kästner – tanzdrama, 6/2002

Die Mythenwelt aus dem mittelalterlichen Japan ist in der zeitgenössischen Musik und im Theater des Landes bis heute lebendig, nicht zuletzt weil die japanische Musik und die damit verbundene Theaterkunst zu jener Zeit als sehr weit entwickelt galten. Diese Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne ist durchaus ein Signet japanischer zeitgenössischer Kunst. Eine ungleich größere Herausforderung stellt sich dagegen, wenn sich in diesem Spannungsfeld zusätzlich Ost und West begegnen, wie jetzt in Hamburg in der NDR-Reihe »das neue werk« zum Thema »Labyrinth Mythos«. Das Folkwang Tanzstudio und das Ensemble musikFabrik brachten unter der musikalischen Leitung von Robert HP Platz Eshi – der Maler, eine Kammeroper des zeitgenössischen japanischen Komponisten Akira Nishimura, mit der Choreographie von Henrietta Horn zur Aufführung.

Sensibel, dabei mit künstlerisch überzeugender und selbstbewußter Handschrift, ist der Choreographin hier ein bedeutender Schritt auf ein in vielfacher Hinsicht grenzüberschreitendes Terrain gelungen. Nishimura, der sich in seinem Werk an der Tradition des Banraku-Theaters orientiert, wollte im Tanz unbedingt den Charakter dieses japanischen Figurentheaters erhalten wissen, obgleich er selbst in der Orchestrierung seines 1999 komponierten Werks ein ausschließlich westliches Instrumentarium ins Spiel bringt.

Die Puppenspieler sind es, die den Figuren eine Seele einhauchen. Sarah Leonards weit gefächerter Sopran verleiht ihnen hier eine Stimme. Horn plazierte ihre Tänzer inmitten des siebenköpfigen Orchesters, inszenierte die Musiker in diesem minimalistischen und dennoch hochdramatischen Kammerspiel gleich mit. Die zugrundeliegende Geschichte aus dem Kioto des 15. Jahrhunderts um den schaurigen Herrscher Shogun, den fanatischen Künstler Yoshihide und dessen Tochter, die von Shogun begehrt und vom eigenen Vater schließlich für die Kunst qualvoll geopfert wird, mutet da erst mal recht exotisch an. Horn extrahiert aus diesem Geflecht von Willkür, Macht und dem Streben der Kunst nach Wahrhaftigkeit und Schönheit spannungsvolle Raumbilder, findet eine stimmige Balance zwischen Abstraktion und dramatischer Ausformung der Charaktere in typisierenden Bewegungsmotiven. Dem mächtigen Shogun (Francesco Pedone) stellt sie hier zwei Spieler zur Seite, die ihm mitunter zu weit ausholenden Sprüngen verhelfen. Zu dritt bilden sie ein Triumvirat der Macht, das die Choreographin gleich zu Anfang etabliert. Breitbeinig sitzt Shogun erhöht im Hintergrund, während seine Spieler (Tanja Berg, Franko Schmidt) zwischen den Musikern seine kantigen Bewegungen und Gesten spiegeln.

Die Beziehung zwischen den Figuren und ihren Spielern nutzt Horn mit ihren Tänzern als Chance neu gewonnener interpretatorischer Freiheit. Diese traditionell zwischen Puppe und Führer geschlossene Kluft öffnet sie hier für vielfältige Interaktionen, die Intentionen und innere Konflikte verstärken und nach außen tragen. Wundervoll gelingt ihr das in der Figur des Malers (Manuel Quero), dessen Führer zum Knecht wird, den er quält und prügelt, um zur eigenen Wahrheit zu gelangen. Innere Zwiegespräche sind es, in denen sich Seelenlandschaften offenbaren und die mythische Qualität des Stoffs einen zeitgenössischen Ausdruck findet. Zur höchsten Abstraktion und Transzendenz dieser Sprache findet Horn in der Darstellung der Tochter, gespielt von der japanischen Tänzerin Mu-Yi Kuo. In sich selbst zurückgezogen, sind es anfangs fein geflochtene Armgesten, die sich hineinwinden in ein Netz aus fliehenden Streicherklängen. In einem fast unmerklichen Zittern ihres Körpers, als sie im Höllenfeuer verbrennt, erreicht das Drama seinen Höhepunkt.

Die Kooperationsbereitschaft des Orchesters erlaubte es der Choreographin, die Musiker diagonal oder frontal zum Publikum; sitzend oder stehend zu arrangieren. Die Formationswechsel werden somit Teil der Choreographie. Virtuos und zugleich sparsam, ist das Orchester in Nishimuras Komposition oft nur ein Instrument, das mit der Sopranstimme in dem sehr transparent wirkenden Gebäude den Faden der Geschichte weiterspinnt, wobei die Sängerin sich außerhalb des Geschehens befindet. In der beeindruckend konzentrierten Darstellung ihrer Tänzer gelingt es Henrietta Horn, dem Mythos ein neues Gesicht zu geben.