Henrietta Horn

Im Sog der Ekstase

Henrietta Horn zeigt „Itambé” bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Andreas Meyer - Tanz Affiche 6’99

trennstrich_gelb

Es war dies eine Premiere im doppelten Sinne: Mit der Uraufführung von „Itambé” bei den diesjährigen Ruhrfestspielen Recklinghausen stellte sich Henrietta Horn auch als Leiterin des Folkwang Tanzstudios [FTS) vor. Doch der erhöhte Druck, der auf der Choreographin lastete, wirkte sich äußerst positiv auf ihre Arbeit aus. Mit „Itambé” stellte Henrietta Horn ihr bisher facettenreichstes und gelungenstes Tanzstück vor. Ekstase, Mythos, Religion und Rhythmus bilden die assoziativen Fixpunkte von „Itambé”, einem Wort, das, wie Henrietta Horn sagt, „an sich schon etwas Geheimnisvolles, Indianisches und Rituelles hat”. Und die Künstlerin löst ein, was sie verspricht. Denn auf anregendste Weise geheimnisvoll ist das knapp einstündige Werk in der Tat.

 

Aus dem Bühnendunkel klingen Trommeln und mediativer Gesang in den Zuschauerraum. Als nächstes erblickt man Henrietta Horns trommelnde Hände, dann ihre ganze Gestalt und schließlich die komplette Gruppe. Die Bühne, ein einfacher schwarzer Raum, ist spartanisch ausgestattet. Als Requisiten dienen lediglich einige schwarz bespannte Hocker, die gleichzeitig als Percussion-Instrumente benutzt werden. Die betonte Einfachheit des Raumes steht in eindrucksvollem Kontrast zu dem Formen- und Ausdrucksreichtum, den Henrietta Horns Tanzsprache kennt. Ausgehend von „alltäglichen” Tätigkeiten wie Gehen, Rennen, Aufstehen führt sie die Tänzer immer wieder zu rein tänzerischen Passagen. Allein durch den konzentrierten und äußerst präzisen Einsatz einzelner Bewegungen entstehen die für Henrietta Horn so typischen, emotional dichten Atmosphären. In eine einzige Drehung des Kopfes, eine Bewegung der Hand steckt sie die Wucht des Schmerzes ebenso gekonnt, wie sie die eruptive Macht ekstatisch Iosgelöster Körper in kraftvollen, expressiven Bewegungen zu bündeln weiß.


Dabei versteht sie es geschickt, die Tänzer immer wieder aus der Gruppe zu lösen und allein, als Paar oder als Trio zu betrachten, sie miteinander oder gegeneinander tanzen zu lassen. Monotonie kann so nicht aufkommen. Stattdessen entwickeln sich Bilder, die in ihrer vielfach aufgebrochenen Komplexität das Auge zuweilen bis an die Grenze des Auffaßbaren führen. Diesen Momenten visueller „Reizüberflutung” stellt die Choreographin bewußte Ruhezonen entgegen, in denen der Betrachter sich erholen kann. Etwa wenn ein Paar sich durchaus witzig und virtuos um einen Hocker balgt, oder aber Henrietta Horn und zwei ihrer Tänzer am Bühnenrand sitzen, trommeln und nichts weiter tanzt als sechs Hände auf den Percussion-Hockern. Aber dies ist stets nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm oder dem Finale, bei dem die Choreographin die tänzerische Kraft ihres Ensembles zu einem sich rauschhaft steigernden Tanz ballt, dessen letzte Bewegung sich nach Abbruch der Klänge wie ein Nachhall langsam in die Stille zieht.

 

 

„Itambé”

Rainer Donsbach - Presse Bremen, März 2000

trennstrich_gelb

Aus der Dunkelheit ins Licht: Noch bevor sie überhaupt etwas sehen, werden die Zuschauer in das Stück hineingesogen. Ein zarter Gesang, der langsam vielstimmiger wird. Der Schlag von Trommeln, der zum Beat schwillt. Dann erst tasten sich Scheinwerfer in den Bühnenraum vor. Sie fokussieren die Aufmerksamkeit des Publikums. Auf das, was heute alleine zählt. Auf Bewegung.

 

Die Dramaturgie des Einstiegs ist beispielhaft für den Aufbau des Tanztheaterstücks „Itambé” im Theater im Fischerhafen (TiF), mit dem das Folkwang Tanzstudio und dessen Choreographin Henrietta Horn im Festival „Tanz Bremen 2000” ein Highlight setzen.

 

 

„Itambé”

Westdeutsche Zeitung, Recklinghausen, 7. Mai 1999

trennstrich_gelb

Die junge Choreographin versteht es meisterhaft, über längeren Zeitraum Spannung aufzubauen. Bei Raumaufteilung und Choreographie folgt sie streng formalen Prinzipien, während sich die Körper selbst mit emotionaler Wucht äußern, als löste sich ein Energiestau in einem Tanz-Gewitter.

 

 

Originelle Mischung

M.-Georg Müller - NRZ, Recklinghausen, 8. Mai 1999

trennstrich_gelb

Das ungewöhnliche der originellen Mischung aus Licht und Schatten, Hoch und Tief: Jedes Gefühl wird behutsam angedeutet, hingetupft. Keine Pose, keine Jagd wird überspitzt, unnatürlich oder pathetisch. Alles fließt wie von selbst.

 

Zurück