Henrietta Horn

Getanzte Philosophie

Choreografie. Die Uraufführung von Henrietta Horns neuem Werk „Freigang” wurde im Pact Zollverein begeistert aufgenommen. Eine Reflexion über Freiheit und ihre Grenzen.
Dagmar Schenk-Güllich - NRZ-Essen, 14. Mai 2007

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Wieder überrascht Henrietta Horn mit einem ungewöhnlichen Tanzwerk. Die Choreografin präsentierte mit ihrem Ensemble im Rahmen des Festivals „tanz nrw 07” die Uraufführung von „Freigang”. Musik gibt im Pact Zollverein den Ton an. Musik ist für sie Impulsgeber – nicht für Rhythmus allein, sondern für die Erfindung der Bewegungen. Sie zeigt, wie die Tänzer sich die Klänge einverleiben. Dabei kommt Henrietta Horn zu einem neuen Tanzvokabular, das – so vielfältig, so neu – von Tanz zu Tanz fasziniert. Die Dramaturgie ihrer Choreografien ist urmusikalisch. Diesmal arbeitet Henrietta Horn mit dem Komponisten, Performer und Improvisator Jens Thomas zusammen, der seine melodischen, schwermütigen Linien mit der Kopfstimme zog, der in den Flügel dröhnte, der Saiten riss, Rhythmus, Takt, Dynamik vorgab und mit den Tänzern manch eine solistische Glanznummer aus dem Stehgreif abzog.
Kommunikation als Taktgeber
Kommunikation, die Reaktion auf die feinsten körperlichen Signale des Partners, wurde zum Taktgeber für packende Steigerungen. „Freigang” ist ein Stück, in dem es um kreative Spannungsverhältnisse zwischen totaler Freiheit und festen Strukturen geht, wie es Henrietta Horn beschreibt. „Freigang”, das ist die Freiheit der spontanen Eingebung im definierten Raum.
Der Raum, das ist die Bühne mit Sofas, Sesseln, Hockern, Tischlampen und dem Flügel. Ein Ensemble eines gutbürgerlichen Wohnzimmers, in dem es dann alles andere als gutbürgerlich zugeht. Hier agieren die wendigen Tänzer – Henrietta Horn tanzt auch mit.
Mit einem Dialog, der aus dem An- und Ausknipsen von Lampen besteht, beginnt das Spiel. Dann kommt die Musik dazu und die tänzerisch-musikalische Interaktion nimmt ihren Lauf. Die Tänzer rekeln sich, schlingern auf dem Boden, zwei junge Frauen finden sich zum betörenden Pas de Deux, später springen alle nach dem Dirigat eines unerbittlichen Rhythmus in den Lichtkegel, sie toben, sie zeigen akrobatische Sprünge, Drehungen in der Luft, sie werden durch den Raum getrieben. Einer der Tänzer setzt zur Klage an, aber sie ist nicht zu ernst gemeint, denn die Stücke von Henrietta Horn stecken voll von hintergründigem Humor. Die leisen Töne führen in die „tiefste Tiefe” doch die „höchste Höhe” lässt nicht lange auf sich warten. So wird der Zuschauer durch ein opus geführt, das Gefühl und Denken auf den Nenner bringt. Eigentlich ein philosophisches Stück und dennoch ist es in erster Linie Tanz, ein wunderbarer Tanz, der begeistert aufgenommen wurde.

 

 

Ganz ohne

Das Folkwang Tanzstudio übt sich im „Freigang”
Melanie Suchy - K-West, Juni 2007

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Den nächsten Schritt nicht zu wissen, ist beim Tanzen einer Choreografie peinlich. Wenn Bewegungen gar nicht vorgegeben sind, stattdessen allein die Freiheit, einen Schritt hierhin oder dorthin oder keinen zu tun, ist das dann nicht das pure Glück? Improvisation auf der Bühne: kostbare Entdeckungen, Versacken in Routine, Lust und Horror, Entscheidungen treffen zu müssen und nicht zu wissen, was das Gegenüber antwortet. Das Folkwang Tanzstudio betritt mit dem neuen Projekt „Freigang”, uraufgeführt auf PACT Zollverein, wieder einmal Neuland. Außerhalb des Gefängnisses eines choreografischen Diktats (was der Titel fröhlich impliziert) wird jeder Abend also anders sein.


Einem Musiker, Jens Thomas, und acht Tänzerinnen und Tänzer beim gar nicht allmählichen Verfertigen von Bewegungsgedanken beim Tanzen zuzuschauen, ist eine spannende Sache. Thomas, das wird schnell klar, ist der große Souveräne; er singt, lässt das Saitengedärm des offenen Konzertflügels wimmern und klingen, entlockt dem Holz und dem Musikerkörper Schlagzeugrhytmen, den Tasten eine Song; sich schütteln wie ein Tänzer kann er auch. Auch Henrietta Horn, Leiterin des Profi-Ensembles, ist mit Leichtigkeit und kleinen eckigen Seltsamkeiten dabei. Wunderlich sein, nicht gefällig, ist hier die Kunst. Wer gerade nicht tanzt, ruht aufmerksam in einem weißen Sessel am Rand des Spielfelds. Eine Grundstruktur des Ablaufs und der Beteiligten ist vorgegeben, der Freigang führt also nicht wild querfeldein, sondern orientiert sich an Wegen und Plätzen. Dabei halten sich die Improvisateure angenehmerweise an die Regel: nicht wimmeln! Sie reduzieren auf ein einziges Geschehen, verbunden mit Klang und Stille.


….Wunderbar geraten die Dialoge, die sich wirklich horchend – Ohren, Körper – auf den unbekannten Weg machen, sich von der Wahrnehmung leiten lassen, ohne Angst, ohne Ambitionen. Staunen! Geht doch. Mehr davon!

 

 

Tausendsassa heizt Tänzern ein

Werner Streletz- WAZ Bochum, 21. Mai 2007

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Der wagemutige Pianist Jens Thomas begibt sich auf das Parkett der Choreographin Henrietta Horn
Gastspiel „Freigang” überzeugt durch Zusammenspiel von Bewegungswirbel und musikalische Ekstase
….Alltagsgesten werden choreographisch verfremdet, Tänzerinnen und Tänzer bilden gemessenen Schrittes wechselnde Tableaus – ein beinah undramatisches Geschehen. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Später wird Thomas –unterschiedlich temperiert – den Flügel bearbeiten, mal herkömmlich, indem er die schwarzen und weißen Tasten bedient; dann wieder, indem er – hektischer werdend – mit den flachen Händen auf die bloßliegenden Klaviersaiten im Korpus oder auf das Holz des Flügels trommelt: beinahe Rock’ n Roll. Dieses rhythmische Gewitter unterstützt Jens Thomas durch quietschende Laute, Wortfragmente.
Ein furioser Wirbel, der sich passgenau auf die Tänzerinnen und Tänzer überträgt, die zu immer neuen Bewegungsabläufen in die Bühnenmitte springen, enthemmt geradezu, die wilden Auftritte steigern sich in ihrer mitreißenden Dynamik, entgrenzen sich, überschlagen sich nahezu: ein musikalisch-tänzerische Ekstase, aus der Musiker und Ensemble sichtlich erschöpft erwachen. Auch Jens Thomas braucht danach erst einmal einen Schluck aus der Plastikflasche.
Bezaubernd jene Passage, als Thomas einem Tänzer, der plötzlich über irgend etwas erzürnt zu sein scheint, zur inneren Beruhigung beibringt, wie man mit sparsamsten Mitteln – nur mit der Stimme und dem Verschluss einer Wasserflasche – ein verblüffenden Rhytmusinstrument entstehen lassen kann. Alles kann Musik sein – und alles Tanz. Vielleicht kann das als eine Art „ „Freigang” aus jenen Zwängen verstanden werden, die uns die meiste Zeit umgeben. Auch der „Freigang” hat bewiesen, dass es eine gute Entscheidung von Intendant Goerden war, mit Henrietta Horn und ihrer Company dem Tanztheater am Schauspielhaus wieder einen Platz zu geben.

 

 

„how connected we are”

Sonja Mersch - WAZ, 14. Mai 2007

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….Wunderbar dann die Kontaktimprovisation zweier Frauen im Dämmerlicht – das glatte Gegenteil zur vorangegangenen Szene: Langsam und überaus zärtlich berühren sich die Tänzerinnen, heben einander hoch, winden sich umeinander herum und vermitteln den Eindruck intensiver Nähe. Thomas untermalt die Performance mit harmonischen Klängen und schließt mit einem gefühlvollen Song und der passenden Textzeile „how connected we are” (wie verbunden wir sind). Das Publikum fühlte sich in hohem Maße angesprochen – und feierte die Uraufführung mit Beifallstürmen und minutenlangem, begeisterten Getrampel.

 

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