Henrietta Horn

Henrietta Horn - Schimmer

Nicole Strecker, Ballettanz Juni 09

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Sie ist Anfang vierzig und sie hat vor einigen Monaten ihren Chefposten geschmissen. Neuen Jahre lang war Henreitta Horn Leiterin des Folkwang Tanzstudios in Essen. Auf dem Papier hat sie sich den Job zwar mit Pina Bausch geteilt, aber die half dem FTS nur mit respektgebietendem Namen. Henrietta Horn wollte die Verantwortung für andere, jüngere Tänzer nicht mehr. Zu wenig städtische Finanz-Unterstützung, zu viele verschiedene Rollen. Sie müsse sich jetzt erst mal wieder auf sich konzentrieren, ihren eigenen Weg wieder finden sagt sie.

Das Solo ist natürlich die Idealform für Identitätskrisen. Auch für Henrietta Horn. Ihr letztes „Solo“ liegt zehn Jahr zurück. Das berühmte „Frau-mit-Tisch-und-Stuhl“ Stück war der absolute Dauerbrenner. Nach wie vor berührt die Einsamkeitsstudie und dürfte mittlerweile zu den meistaufgeführten Solo-Choreographien überhaupt zählen.

Zeit nun für ein Update der Selbstsuche. Wer ist sie – und wenn ja wie viele? Vieleviele, scheint es. Die Frau, die Henrietta Horn, entwirft und tanz, ist „Frauen“ und hat Probleme mit ihrem „Look“. Sie schmeißt sich beim Festival tanz nrw von einem Fummel in den nächsten. Nichts passt. Mit quietschenden Plastik-High-Heels und Kinder-Gummimantel stöckelt sie als Barbiepuppe über die Bühne. Im rosa Kostüm rutscht ihr der Schlapphut bis auf die Nase und sie tapst kopfnickend davon, halb Business-Frau, halb Detektivin auf Spurensuche.

Ein schwarzes Strickmützchen lockt aus ihr die Action-Heldin-Imitation von Ghetto-Kids. Kein Bild ist eindeutig, alles ist zitiertes Zitat, jede Rolle ist so abgenutzt, dass sie das Potenzial zum „Authentischen“ verloren hat. Heute „das Kind in der Frau“, morgen das Luder, eine Werbe-Beauty oder Tragödin: weiblich unbeschreiblich. Die Launenhaftigkeit stresst. Abrupt wirft Henrietta Horn sich hin, rollt über den Boden wie für eine Stunt-Szene, springt wieder auf die Füße. Sie kämpft, aber da ist kein Gegner. Es sind die inneren Dämonen, die sie hetzen, antreiben, verunsichern und die doch nie zu fassen sind.

„Schimmer“, so der schöne Titel dieses detailliert gearbeiteten Solos, sollte ursprünglich Zusammenhänge von Bewegung, Klang und Farbe klären. Doch vom synästhetisch klingenden Konzept blieben zwei Farbwechsler in den Scheinwerfern, deren schnarrendes Geräusch beim Wechsel der Farb-Folien das sonst fast musiklose Stück begleitet und rhythmisiert. Ein bisschen simpel ist die „Kleider machen Leute“-Idee ihres Solos schon. Gern hätte man einen grünen oder gelben Tanz gesehen. So ist die Bühne nun bunt wie die Seele. Henrietta Horn hat ihre Farbpalette virtuos mit Kontrasten gemischt, ihren Humor dunkel grundiert, ihre Melancholie grell übertüncht. So gelingt die Ratlosigkeit doch noch überzeugend.

Irgendwann greift sie sich ein kegelartig geschnittenes Kleid aus grün – schwarz -schillerndem Brokat, setzt sich eine Pelzkappe auf den Kopf und strahlt für einen Moment die Würde einer russischen Fürstin aus, ehe sie zusammenschrumpft. Die Herscherinnen-Rolle ist zu groß für sie, das Kleid hebt sich über sie, schwebt in der Luft. Herauskommt eine Frau im Unterrock. Nackte Beine, verstrubbeltes Haar. Lieber pur als pompös.


 

Ein neues Solo von Henrietta Horn

Hartmut Regitz - tanznetz.de Dezember 09

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Henrietta Horn privat? Die Hände in den Hosentaschen, tritt sie jedenfalls vor ihr Publikum. Lange Zeit verharrt sie unbeweglich, Auge um Auge mit ihrem Gegenüber. Und wie bei einem Blick in einen imaginären Spiegel scheint sich die Tänzerin zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Was suche ich hier? Und wo positionieren mich meine Zuschauer?

 

Schachbrettartig hat Reinhard Hubert seine Lämpchen über die Bühne gehängt, und wie in ”Schimmer”, dem nachfolgenden Stück Tanz, spielt das Lichtdesign eine nicht unwesentliche Rolle. ”Treibschatten” hat die langjährige Chefin des Folkwang Tanzstudios ihre Uraufführung genannt – und ganz dem Titel entsprechend scheint das Licht am Ende seinen Schatten zu vertreiben. Ja, man könnte sogar den Eindruck haben, als drohte die Solistin im Schatten zu verschwinden.

 

Doch davon kann natürlich keine Rede sein, auch wenn der permanente Kleiderwechsel in ”Schimmer” als eine kaum verbrämte Standortbestimmung gedeutet werden kann. Henrietta Horn hat sich längst gefunden; nicht zuletzt ihr “Solo” ist “eine perfekte, vor Spannung vibrierende Studie der Einsamkeit” (so Jochen Schmidt), die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

 

Zehn Jahre nach der Uraufführung hat sich an der Ausgangssituation ihrer Arbeit nichts grundsätzlich geändert: Nach wie vor ist Henrietta Horn mit sich allein, und die kritische, aber keineswegs humorlose Hinterfragung ihrer Kunst entwickelt sich zu einer Obsession, die immer wieder neue Form gewinnt. In “Schimmer” bestimmt nicht nur die Kleidung, sondern die Farbe das Bewegungskonzept; in “Treibschatten” ist es der Tanz selbst, der sich Bahn bricht. Immer wieder setzt er an. Immer wieder verändert er sich im Viereck des Raums. Immer wieder scheint er sich so zu verselbstständigen, dass die Beine nicht mehr dem Willen der Tänzerin gehorchen wollen. Wie eine Getriebene unterwirft sich Henrietta Horn lange Zeit dem Gesetz, wonach sie angetreten. Und wenn sie auch keine roten Schuhe trägt, sondern Socken, gehört am Schluss viel Kraft dazu, sich des eigenen Körpers wieder handgreiflich zu bemächtigen – und dem “Treibschatten” nach zwanzig Minuten ein Ende zu bereiten. Henrietta Horn hat sie, und das lässt für ihre Zukunft noch einiges erwarten.

 

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